Endrohr Apokalypse

2025 | Einzelausstellung im Kunstverein Ingolstadt

Endrohr Apokalypse entfaltet sich auf rund 300 Quadratmetern in der brutalistischen Architektur des Kunstvereins im Stadttheater Ingolstadt als vielschichtiges Szenario zwischen Sakralität und technischer High-Fidelity. Der kirchenschiffähnliche Raum mit seinen sieben Säulen bildet die räumliche Grundlage für eine ortsspezifische Auseinandersetzung mit Glauben, Fortschritt und industrieller Erschöpfung.

Mit eigens für die Ausstellung geschaffenen Arbeiten thematisieren die Werke Parallelen zwischen Technologie und Theologie: von ritualisierten Handlungen über Erlösungsversprechen hin zu der Frage, wie technische Systeme zunehmend Funktionen übernehmen, die vormals religiösen Ordnungen vorbehalten waren. Die sieben tragenden Säulen des Raumes werden zu Trägern einer Parallelverschiebung zwischen der Bamberger Apokalypse und der Autostadt Ingolstadt. Sieben Endrohre ersetzen die Trompeten der Apokalypse. Aus ihnen dringen Anstrengungs- und Stemmgeräusche von Bodybuildern – ein Resonanzraum aus Kraft, Optimierung und Fortschrittsglauben.

Die Arbeiten spiegeln Technologie als die Anstrengung, Anstrengung zu ersparen, und lenken zugleich den Blick auf die Mühen der Kunst- und Kulturszene. Vor dem Hintergrund der Krise der Autoindustrie und gekürzter städtischer Förderungen wird der Kunstverein selbst zu einem Symbol für eine Kulturinstitution, deren Fortbestehen heute infrage steht – einst Sinnbild des Aufbruchs einer ganzen Stadt.

Die Ausstellung reflektiert die selbstgemachten Folgen moderner Hybris, den Glauben an Fortschritt und die Erschöpfung einer Gesellschaft, die ihre eigenen Offenbarungen produziert.

Endrohr Apokalypse – Schriftzug
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Am Eingang markiert Wie groß ist Walter Röhrls Vorsprung durch Technik wirklich den Beginn der Reise. Das Werk fungiert wie ein technisches Taufbecken: Der von Rally-Legende Walter Röhrl geprägte Slogan „Vorsprung durch Technik“ verweist auf den Pioniergeist der Ingolstädter Audi-Ära und den Glauben an technische Überlegenheit, der sich zunehmend in Richtung Daten, Algorithmen und Künstliche Intelligenz verschoben hat. Die Arbeit öffnet den Raum für Gedanken über den Umfang des technologischen Vorsprungs – und über die Bedeutung, wenn technologische Verheißungen selbst zu neuen Heilsversprechen werden.

Mit Kinetic Fart (Bewegungspfad Ungestüm) wird die Ausstellung eröffnet: Engelartige Boten schweben zwischen himmlischen Weihrauchwolken und irdischen Auto-Duftbäumen. Als unwegige Beweger fungieren die programmierten Raumerfrischer wie Zwischenwesen, die zugleich sakrale Rauchzeichen und die aromatisierte Präsenz des Autointerieurs aufrufen. In ihrer schwebenden Unbestimmtheit knüpfen sie an den archetypischen Startpunkt für Ordnungssysteme an, über dem die Frage nach der Stellung des Menschen im Kosmos und der damit einhergehenden Sammlung und Archivierung seiner Daten schwebt.

Endrohrmemory fungiert als akustisches Archiv der Ingolstädter Tuningszene. Auspuffhusten, Beschleunigungsrhythmen und charakteristische Klangabdrücke werden zu spielerischen Paaren, die wie Hostien arrangiert sind. Zwischen Spiel und Ritual entsteht ein kollektives Klanggedächtnis, in dem Motorensound zur Bekenntnisformel einer Stadt wird.

An den sieben Säulen des Raumes platzieren sich die Endrohrleuchter: Endrohre aus der Tuningszene ersetzen die sieben Trompeten der Bamberger Apokalypse. Aus ihnen entfalten sich die Laute trainierter Körper unter extremer Beanspruchung – ein akustisches Gefüge aus Kraft, technischer Verdichtung und sakraler Verkündigung.

Endrohrkissen verlagern die Auseinandersetzung auf Ruhe und Hingabe. Die skulpturalen Kissen greifen Formen und Materialien des automobilen Innenraums auf und werden wie Devotionalien präsentiert. Über 10.000 Kreuzstiche erinnern an die Struktur eines Rosenkranzes – eine kontemplative Praxis zwischen Wiederholung, Geduld und körperlicher Erschöpfung.

Digitales Schlaraffenland (Version kybernetisches Bällebad) ist ein virtueller Paradieszustand aus 50.000 modifizierten Plastikwürfel mit Nullen und Einsen – die Bits als die Grundbausteine des Digitalen. Die Arbeit macht die unvorstellbare Kombinationsvielfalt digitaler Logik als „virtuelle Realität“ sprichwörtlich erfahrbar: Alles lässt sich in Zahlen und algebraische Strukturen übersetzen und Daten werden wie göttliche Ebenbilder handhabbar. Die Bits als Grammatik des Digitalen öffnen die Türen zum paradiesischen Zustand der unbegrenzten Möglichkeiten.

Düsen nach Jägerart (Dreifaltigkeit) besteht aus drei besessenen Bürostühlen, die im Kreis rotieren. Der Kreis symbolisiert einen paradiesischen Zustand der Vollkommenheit, den Kepler nicht aufrechterhalten konnte: Die elliptische Umlaufbahn der Erde markiert die erste Kränkung der Menschheit. Technologie, Bewegung und Zirkulation verschränken sich hier in einem mechanischen Ballett, das zwischen Utopie, Chaos und der Erfahrung von Grenzsetzung oszilliert.

Die interaktive Arbeit Wie klingts eigentlich, wenn man alle zugleich reinhaut (Vierknopftypus per Fernbedienung) greift das Motiv der Kreuzigung auf. Eine nachrüstbare Zentralverriegelung, jahrelang auf dem Dachboden des Künstlers gelagert, wird auf das Kreuz genommen: Über eine Fernbedienung können alle vier Knöpfe gleichzeitig ausgelöst werden. Die Arbeit thematisiert Handlungsmacht, Kontrolle und die Aktualisierung sakraler Motive durch Technologie.

Dank an Karin Derstroff, Ludwig Hauser und das Team des Kunstvereins Ingolstadt